Wild und Frei und Wunderbar in Porto

Porto, Portugal. 237 000 Einwohner auf 41 Quadratkilometern. Nach Lissabon die zweitgrößte Stadt des Landes. Liegt am Fluss Douro. Das sind die Fakten.

Emotional gesehen haut einen Porto einfach nur um. Eine Stadt in Europa, die gar nicht europäisch wirkt. Kleine, alte Häuser, die aus den verwinkeltsten Ecken sprießen. Dicht an dicht stehen sie an den Hängen. Irgendwie heruntergekommen. Alt. Schmuddelig. Beim genauen Hinschauen wird man in eine längst vergangene Zeit katapultiert. Ein Gang durch die Straßen. Bilder rattern durch die Köpfe. Szenen, die sich abspielten, als der Stuck noch nicht von den Decken gebröckelt war. Wo man auch hinschaut, entdeckt man verspielte Schnörkeleien. Überwältigende Bauten mit farbenfrohen Türen und Fliesen an den Wänden. Kunst. Wie kann man solche Schätze nur so verkommen lassen? Oder ist es Kunst, gerade weil alles so heruntergekommen ist? 

Fast 20% der Häuser in Porto´s Innenstadt stehen leer. Die Atmosphäre schwankt zwischen Geisterstadt und ausgelassenem Trubel. Nie hat man das Gefühl, dass man sich in einer Großstadt befindet. Die Menschen, die hier leben und arbeiten, sind zwar aufgeschlossen, sympathisch und extrem gelassen, wie in einer Großstadt, aber der Trubel fehlt. Hier ticken die Uhren langsamer. Wenn ein Kellner einen Kaffee und ein paar Oliven an den Tisch bringt, macht er danach gerne erstmal ein kleines Päuschen. 

Man soll sich schließlich nicht überarbeiten. Hier hast du das Gefühl, dass alles richtig läuft. Hier arbeiten die Leute um zu leben und nicht andersrum. 

Die ständige Hetzerei aus Deutschland scheint es hier nicht zu geben. Man wartet in Porto auf sein Essen gerne mal ein paar Minuten länger. Wen stört´s? Die Leute tun sich hier die Ruhe rein. Gratulation dazu! Burn Out kennt man hier wahrscheinlich nicht. Auch Wörter wie „Laktoseintoleranz“, „Vegan“ und „Flaschenpfand“ stehen hier nicht dick, fett und groß gedruckt im Duden. Wenn du in den Supermarkt gehst und eine Tüte Toast von der Marke „Bimbo“ kaufst, ist das politisch unfassbar unkorrekt, keine Frage, aber irgendwie ist es auch schön, dass sich hier niemand Gedanken um so etwas macht. Was ist schon dabei? Natürlich ist der Erfinder des Bimbo-Toasts kein Rassist. Hier nimmt man einfach nur alles nicht so genau.

Ein Kurztrip nach Porto bedeutet eine Auszeit von der deutschen, bürokratischen Engstirnigkeit. Entspannen. Wenn man im komplett überfüllten Feierabend-Bus dem Fahrer seinen rechten Außenspiegel blockiert, weil es einfach keine andere Möglichkeit gibt, sich zu platzieren, helfen Einheimische ihm mit Zurufen á la „Rechts ist frei!“ oder „Stop! Da kommt einer!“. Manchmal bekommt man auch ein Handzeichen inklusive Augenzwinkern, dass man sich bitte kurz in die Hocke bemühen soll. Sobald die Gefahr vorüber ist, erhält man natürlich auch wieder einen Wink mit einem lächelnden „Obrigado.“. Und wenn alle Stricke reißen, lenkt der Fahrer seinen Riesenbus kurzerhand im Stehen und lacht sich dabei kaputt. Hallo? Geht es entspannter? Wenn es so etwas nur mal in Deutschland gäbe!

In Porto liegt ein Hauch von Melancholie. Die verlassenen Häuser, die kaputten Rollläden und Fassaden stimmen einen nachdenklich. Überall wo man hinschaut, gibt es etwas zu fotografieren. Es ist hier einfach so anders, als in Deutschland. So nicht-europäisch. Obwohl der Flieger gerade mal gute 2.5h braucht und dazu noch einen Witz kostet. Mit Billigfluggesellschaften und einfachem Handgepäck ist es quasi teurer in Deutschland zu bleiben. Bei Airbnb gibt es hunderte von Möglichkeiten für großartige und preiswerte Unterkünfte. Und das Essen und die Getränke kosten hier gerade einmal die Hälfte. Oft sogar nur ein Drittel von den uns bekannten deutschen Preisen. Ein Kilo Mandarinen: 0.50 €. Ein Bier im Restaurant: 1.00 €. Suppe: 1.00 €. Die besten Pommes, die es auf der Welt gibt: 1.00 €. Bahnfahrt zum Flughafen: 1.85 €. Apropos Flughafen: dort bekommst du als erstes persönlich einen Stadtplan in die Hand gedrückt. Außerdem stehen an den Ticketschaltern für die Bahn jede Menge Helfer, die dir erklären, wie das Teil funktioniert, was du drücken musst und, dass du das Bahnticket nicht wegschmeißen sollst, weil du es immer wieder aufladen kannst. 

Auf die Waage darf man sich nach einem Porto-Trip nicht stellen. In dieser wundervollen Stadt kann man sich quer durch die Karte essen und alles schmeckt. Was man auf keinen Fall verpassen darf, ist das portugiesische Nationalgericht: Francesinha. Ein mit Käse überbackenes Toast mit gefühlten 20 verschieden Fleisch- und Wurstsorten und mindestens 12.000 Kalorien. Nichts für schwache Nerven. An alle deutschen Mädels da draußen: euch reicht ein Halbes. Auch wenn die einheimischen Damen locker ein ganzes Francesinha verputzen… aber die sind in Übung. Die essen das jeden Tag. Wohin sie das allerdings essen, bleibt ein Rätsel. Besonders dick ist hier keiner. Vergesst nicht so viel Sangria zu trinken, wie es geht. Der hat natürlich nichts mit dieser albernen Ballermann-Geschichte zu tun, sondern ist ein unfassbar leckerer, frisch zubereiteter Rot- oder Weißwein inklusive leckerem Obst in einer großen Karaffe. Mehr als gut. Genau wie der Portwein, der bei uns in Deutschland schon lange völlig aus der Mode gekommen ist. Auch hier: rot oder weiß. Weiß: süß aber etwas herber, als Aperitif. Rot: dickflüssig süß, als Digestif. Oder einfach mal zwischendurch. Portwein geht immer. Nur nicht zum Essen, wenn du einen Profi fragst. Und das solltet ihr euch nicht entgehen lassen.

In Villa Novo de Gaia gibt es ein paar Weinkellereien, die kurzweilige und echt interessante Führungen anbieten. 30 min für 6.00 € inklusive zwei Gläsern Portwein. Sollte man machen. Nicht nur wegen des Portweins. Generell gilt, wenn du dich in jungen, coolen Läden bewegst, spricht jeder fließend englisch. Wenn nicht, bemüht er sich zumindest und man gelangt mit Händen und Füßen zu einem super Ergebnis. Die ältere Generation scheint nicht so fit zu sein, was die Verständigung mit Ausländern angeht. Aber hey, es gibt Schlimmeres. Während du in Deutschland in Touri-Gebieten gerne mal bei der Rechnung über´s Ohr gehauen wirst, egal ob du Touri bist oder nicht, wird in Porto gerne mal ein Posten auf der Rechnung ausgelassen. Ob man das hier so macht? Keine Ahnung, aber das Ganze kann man ja durch Trinkgeld wieder ausgleichen. Die Freude ist dann groß, denn Trinkgeld liegt hier wohl nicht so an der Tagesordnung.

Ansonsten gilt: geht viel zu Fuß, schlendert durch die kleinen Gassen und saugt die mystische Atmosphäre auf. Es geht den ganzen Tag Berg auf und Berg ab… zieht euch also warm an. Freut euch auf den derbsten Muskelkater in den Waden. Bis zum steinigen, rauen Strand sind es rund 7 Kilometer. Ohne Berge. Auf dem Weg gibt es etliche Möglichkeiten in ausgefallenen Cafés und schönen Restaurants halt zu machen. Mit der alten Straßenbahn kommt man bequem wieder zurück in die City. Während in Deutschland der kalte Winter tobt, sind es hier angenehme 15 Grad. Die schönste Möglichkeit dem grauen Alltag Tschüss zu sagen und sich ein Stück Freiheit und Gelassenheit zu angeln. Porto ist besonders. Anders. Porto muss man einfach gesehen haben. 

 

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